Jungs-Mädchending

Kein Genre

Dieser Text „Jungs-Mädchending“ habe ich bei meiner ersten Lesung der Schreiber und Sammler vorgetragen. Ich hoffe er gefällt euch.

Jungs- Mädchending

„Alles, außer Einhörner“, ermahne ich meinem Sohn.
Er sieht mich mit seinen großen blauen Augen an. Ja, ich habe gesagt, er darf sich alles aussuchen zu seinem Geburtstag, aber jetzt stehen wir hier in dieser Ecke mit Barbie Einhörnern, My little Pony und Mia and me. Jedes Mädchen wäre entzückt, einschließlich meiner Tochter. Aber er ist doch ein Junge.

„Mama bitte!“, fleht er mich an.
„Willst du nicht das neueste Auto haben oder diese Hunde, diese Paw Patrol, die magst du doch. Ich wäre sogar mit diesen Pyjama-Helden einverstanden.“ Gequält blicke ich zu den Pferden mit Hörnern. „Oder ein neues Stofftier?“
„Nein“, sagt er trotzig, verschränkt die Arme und lässt sich auf den Boden fallen.
Na perfekt, das hat mir gerade noch gefehlt. Ich gehe in die Hocke. „Schau, Lisa hat doch genug Pferde für euch zwei.“ Ich streichle ihn über seine braunen Locken.
„Ich will mein eigenes“, gibt er standhaft und bockig von sich. Rebellisch schubst er meine Hand von seinem Kopf.
„Tom, bitte.“
„Du hast gesagt, ich darf mir alles aussuchen!“
„Ja, das habe ich wohl“, gestehe ich ihm ein.
„Dann halt dich auch daran.“
„Aber das ist doch ein Mädchenspielzeug und ich dachte, du bist ein junger Mann.“ Hoffentlich hat diese Taktik Erfolg. „Was sagen den Marco und Klaus, wenn du am Montag mit einem Einhorn in den Kindergarten kommst?“ Kurz denke, ich habe es geschafft.
Er zieht eine Schnute, die er immer macht, wenn er angestrengt nachdenkt. „Mama.“
„Ja?“
„Wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert, Frauen dürfen wählen und ich darf mit Einhörnern spielen.“

Neben uns versucht jemand, sich das Lachen zu verkneifen, ich hingegen stöhne genervt auf. Wie ich es hasse, wenn er, mich mit meinen eigenen Argumenten an die Wand redet. „Das habe ich zu Papa gesagt, aber es war ein ganz anderer Zusammenhang.“
„Ach ja?“
„Ja, es ging darum, dass mein Arbeitskollege, mehr verdient wie ich und auch noch weniger tut, das meinte ich, mit Gleichberechtigung.“

„Ich will mich jetzt nicht einmischen“, sagt nun die Frau. Sie lächelt uns an. In ihren strengen dunklen Pferdeschwanz und den blauen Augen, sieht sie zu neugierig, lieb und doch unnachgiebig aus.
„Ach ja?“, wiederhole ich die Worte meines Sohnes und verdrehe innerlich die Augen. Wir sind offensichtlich nicht nur äußerlich ziemlich gleich.
„Mein Sohn hat letztens einen Puppenwagen bekommen. Ich finde es nicht verwerflich, doch dieses Schubladendenken, sollte echt abgelegt werden. Mädchen spielen mit Autos und Jungs auch mit Puppen. Ich sage nur Actionfiguren. Die gibt es nicht erst seit gestern, wenn ich mich recht erinnere, sind die ersten Männerpuppen Mitte der Sechziger herausgekommen.“
„Actionfiguren und Einhörner, sind wohl ein großer Unterschied.“
„Die besten Dressurreiter sind Männer, im Wilden Westen waren es die Männer, die reiten durften, Rennen reiten Männer, warum darf ein kleiner Mann dann nicht mit einem Pferd mit Flügeln oder einem Horn spielen?“
Mein Sohn grinst mich breit an. „Siehst du.“
„Okay, Vorschlag, wir gehen noch einmal durch und du siehst dir alles an und nur, wenn du wirklich nichts anderes gefunden hast, dann bekommst du dein Einhorn.“

Er springt auf und rennt zum Anfang des Spielzeugladens.
„Zwingen Sie ihn nicht“, sagt die Frau und innerlich bin ich auf hundertachtzig. Ohne ein weiteres Wort an sie zu richten, folge ich meinem Sohn. Ich hasse es, wenn sich Fremde in meine Erziehung einmischen. Es reicht schon, dass mein Mann und ich unterschiedlicher Meinung sind, da brauche ich den Rat einer Fremden nicht auch noch. Wir haben an die fünfzig dieser dummen Pferde zu Hause, er darf doch damit spielen, aber muss er deswegen eins selber haben? Im Grunde will ich doch nur, dass er auch mal etwas tut, was ein Junge macht. Seine Schwester zieht ihn schon so sehr in dem Mädchenkram hinein, dass ich manchmal befürchte, dass es ihn zu sehr beeinflusst. Zumindest mehr, als es in meiner Vorstellung gut ist.

Jeden Gang, den wir gehen, mache ich eine Pause, zeige ihm, was er verpassen könnte. Egal ob Lego-Duplo, Tutu-Babyflitzer, Cars oder Gesellschaftsspiele, die wir zusammen spielen können, nichts findet er was ihm gefällt. Seufzend stehen wir wieder an dem Regal. Sein Blick geht strahlend über die Plastikpferde.

„Hallo Tom“, hören wir auf einmal von seinem Freund Marco aus dem Kindergarten. Der kleine freche junge, mit seinen schwarzen Haaren und den dunkelbraunen Augen, kommt freudestrahlend auf uns zu.
Plötzlich ist von dem stolzen Jungen, der ein Einhorn haben wollte, nichts mehr zu sehen. Sein Blick geht Hilfe suchend zu mir.
„Sucht ihr ein Geschenk für Lisa aus?“, will sein Freund wissen.
„Ja“, gibt mein Sohn ganz schnell von sich. Auch wenn ich mir gewünscht habe, dass er sich etwas Männlicheres heraussucht, gefällt mir diese Situation auch wieder nicht.
„Schau mal“, sagt Marco und hält ihn eine von diesen dummen Pyjama-Helden hoch. „Das ist Gecko. Schau mal, was der alles kann.“ Sie betrachten sich die Bilder, an die auf der Rückseite des Kartons abgebildet sind und reden darüber.
Seine Mutter stupst mich an. „Lass mich raten, er wollte ein Einhorn.“
Ich nicke.

„Meiner auch.“
Erstaunt sehe ich sie an. „Wirklich?“
„Ja.“ Sie wird leiser. „Aber er hat Tom gesehen, da wollte er auf einmal den das grässliche Ding.“
„Na die beste Wahl ist das wirklich nicht“, sage ich lachend. Sie stimmt mit ein und ich weiß, was ich zu tun habe. „Tom, suche dir mal mit Marco auch etwas aus.“ Mein Sohn weiß anscheinend, was ich meine, er flitzt mit seinem Freund durch die Gänge. Ich nehme eins der Pferde, was meine Tochter nicht zu Hause hat und lege es in den Einkaufswagen.

An der Kasse zahle ich nun ein Einhorn und einen Dinosaurier. Im Auto habe ich den glücklichsten kleinen Mann, der sein Pferd an sich drückt wie den größten Schatz.





Ich hoffe, euch hat Jungs-Mädchending gefallen <3