Kate und Lee WGC Hader

Wöchentliche Geschichts Challenge

Auf geht es in den zweiten Monat von Kates Geschichte.

April Wöchentliche Geschichts Challenge

Nach vier Stunden Fahrt mit dem Zug stehe ich am Bahnhof. Menschen eilen an mir vorbei und manche rufen von weiten. Ich bilde mir nicht ein, dass sie mich meinen könnten, aber doch muss jemand nach mir rufen. Eine Viktoria Kraus soll mich hier abholen. Meine Mutter meinte nur, dass sie mich kenne, mir sagt der Name rein gar nichts.
„Ashley, oh entschuldige Kate“, sagt eine Frau dann plötzlich neben mir.
Mein Blick geht zu ihr. Sie ist klein und schlank, irgendetwas an ihr kommt mir bekannt vor, was genau, kann ich nicht sagen. „Sie sind …?“
Fest greift sie meine Hand und schüttelt sie. „Nenn mich Viktoria, es ist schön, dich endlich auch kennenzulernen.“ Ich runzel meine Stirn, Zeit zu Fragen bleibt mir nicht viel, eher keine, sie redet wie ein Wasserfall auf mich ein. Wie sie das schafft, so schnell zu reden und zu laufen ist mir ein Rätsel. „Lass uns nach Hause fahren, dann kann ich dir das Zimmer schon mal zeigen. Willst du dich dann frisch machen.“ Ich rieche an mir. „Sicher willst du dich frisch machen, ich kann mir das ja gar nicht vorstellen mit anderen so eng gepfercht über mehrere Stunden zusammen verbringen so vollkommen fremde. Hattest du den sonst eine gute Fahrt?“
„Äh“, weiter komme ich nicht.
„Mein Sohn sagt, er ist einmal gefahren mit dem Zug und da wurde er ausgeraubt, musst du dir mal vorstellen.“ Wir stehen vor einem Wagen. „Na los steig ein.“ Sie öffnet den Kofferraum und redet weiter. „Mein Sohn wird dir dann die Gegend etwas zeigen, er kennt sich ja dann besser aus. Ich hoffe ja so, dass es dann auch alles klappt bei euch.“ Bei euch? Frage ich mich, als ich mein Gepäck verstaue und dann schließe. „Die Büros sind fünf Minuten zu Fuß, aber das wird er dir ja alles dann zeigen. Ich koche abends dann. Es gibt eigentlich nur zwei Regeln in dem Haus, ruhe und keine Haustiere.“
Ich setze mich zu ihr. „Sie wohnen nicht dort?“
Sofort rast sie mit dem kleinem Wagen aus der Tiefgarage und die Straßen weiter. „So gesehen schon, ich habe die Wohnung unter euch. Aber keine Angst mein Sohn ist zwar stur, doch ein lieber.“
„Ich solle also bei einem vollkommen fremden Mann übernachten und das über Wochen.“
Sie lacht und gibt noch mehr Gas, ich kralle mich in die Halterung über dem Fenster. „Mein Sohn ist dir nicht fremd. Deine Mutter und er hielten nur vorerst das Beste, deine Vermutung stehenzulassen.“ Ich runzel meine Stirn. „Du wirst es sehen.“
„Ich will es nicht sehen, ich will es wissen.“
„Was ändert es? Du kannst nicht zurück, du musst es durchziehen, du hast einen vertrag unterschrieben und das ist nun mal bindend. Hast du keinen Traum?“
Traum? Ich weiß nicht, ob ich einen Traum habe, im Grunde will ich eigentlich einfach meine Ruhe haben und mein Leben durchziehen wie ich es will. Okay, es stimmt nicht ganz, Lee hat in mir etwas ausgelöst, das ich gerade etwas am Umdenken bin, aber ist das wirklich meine Gedanken oder der von ihm? Seit ich ihn das letzte Mal gesehen habe, sind fast drei Wochen vergangen, heute Abend eigentlich genau. Dieses Bild, wie er mit einer anderen redet, hat sich in meinen Kopf eingebrannt. „Ich weiß es nicht“, antworte ich.
„Deine Mam hat mir viel erzählt über dich und auch von meinem Sohn habe ich einiges mitbekommen. Weißt du, ich war mit achtzehn in eine ähnliche Situation wie du. Die Menschen und das Städtchen haben einem keinen Ausweg gegeben, nur wenige haben es geschafft, sie wohnen dort und konnten diesem Leben dort ausbrechen. Ich war schwanger und wusste nicht, wer der Vater sein könnte, vier junge Männer kamen infrage. Meine Mutter empfand das beste mich so weit weg wie möglich zu schicken, so kam ich zu einer Tante meines Vaters. Ich verlor mein Kind und ich weiß inzwischen, das diese Stadt zu verlassen, wirklich ein guter Schritt war. Ich lernte meinen Mann kennen und konnte meinem Sohn werte mitgeben, die ich dort nie erfahren habe.“
„Ich bin nicht schwanger!“
„Ich weiß, weil da dich deine Mutter früh genug aufgeklärt hat.“ Das bezweifle ich, aber sage es lieber nicht. Mein erstes Mal hatte ich mit dreizehn, sie kam mit der Pille und Kondom an, da war ich bereits siebzehn, dass ich nicht schwanger geworden bin, bis dahin liegt eher daran, dass ich meine Periode erst ein Jahr später bekommen habe.
Sie hält vor einem riesigen mehrstöckigen Haus. Schwungvoll steigt sie aus und ich folge ihr zögerlich. Mit dem Gepäck steigen wir in einen Aufzug, bis nach ganz oben. Die Wohnung, die wir dann betreten ist minimalistisch und absolut unpersönlich. Es kommt mir kalt vor, nicht so, wie ich Viktoria kennengelernt habe. „Hier soll jemand leben?“
Sie seufzt und wendet sich nach links. „Hier ist die Küche, das Wohnzimmer siehst du ja und nach rechts sind Bad und Gästezimmer sowie das Zimmer meines Sohnes.“
„Was ist ihm passiert?“
Traurig blickt sie zu mir. „Sie waren gut fünf Jahre zusammen, er hat das hier für sie gekauft, alles heimelig gemacht und dann ist sie mit allem, bis auf die Möbel, abgehauen.“ Sie wischt sich über ihr Gesicht, deutlich ist zu erkennen, dass ihr die nächsten Worte schwerfallen. „Ich will nicht, das er noch mal verletzt wird, aber ich weiß, dass er seinen Weg machen muss.“ Sie lächelt mich an. „Aber jetzt husch, husch, ins Bad und die Strapazen abzuwaschen.“ Sie scheucht mich nicht nur mit Worten, in das große Badezimmer. Eine Dusche und eine Badewanne sind in den Ecken eingelassen. Ein großes Waschbecken an der Tür, etwas verborgen durch eine extra Wand zwei Klos. „Hinter der Tür ist ein Schrank mit Handtüchern und anderen Sachen, bedien dich.“
Ich wasche mein Gesicht und starre mich in dem großen Siegel mir gegenüber an. „Das schaffst du“, motiviere ich mich selber, oder versuch es zumindest. Hier zu sein fühlt sich falsch an und ich weiß nicht, ob ich, wenn es so negative ist, auch wirklich kann.

Nach der Dusche gehe ich in das erste Zimmer, was nach dem Bad kommt, es hat ein großes Bett und lauter Anzüge hängen im Schrank. Nicht meins. Dann nehme ich die zweite Tür. Dort sieht es eher wie in einem Büro aus, als ein Gästezimmer. Der Schreibtisch ist mit zwei Bildschirmen ausgestattet. Auf einer Liege sind Kissen und Decken. Daneben ein Regal, wo ich anscheinend meine Kleidung verstauen kann. Seufzend ziehe ich mich an.
„Mam?“, vernehme ich eine Stimme, die ich irgendwo schon mal gehört habe. Sicher hat Viktoria gesagt, ich kenne ihren Sohn, aber daran geglaubt habe ich nicht.
„Viktoria ist, nachdem sie mich ins Bad geschickt hat, gegangen“, sage ich und laufe zum Wohnzimmer. Wie angewurzelt bleibe ich stehen, als ich Lee erkenne. Ich kann nur meinen Kopf schütteln. „Was machst du hier?“
„Ich wohne hier.“
Ohne ein weiteres Wort zu verschwenden, drehe ich mich ab und eile in das Büro alias Gästezimmer.
„Kate höre mir doch zu.“
„Du hast gesagt, ich solle gehen, das bin ich und jetzt steckst du dahinter?“ Wütend werfe ich alles wieder in meinen Koffer.
„Schon am Nachmittag stand ich vor deiner Tür und wollte es zurücknehmen.“
„Hast du aber nicht!“, fauche ich ihn an.
„Du kannst nicht gehen.“
„Siehst du doch“, gebe ich von mir, als ich meine Tasche schulterte.
„Wenn du gehst, verspielst du dir Chancen in diese Branche, du wirst nie dort Fuß fassen.“
„Kann dir doch egal sein.“
Doch er sieht es anscheinend anders, wie eine schrägende Mauer ist er im Türrahmen und lässt mich nicht aus dem Zimmer. „Du schadest auch mir.“
„Dein Pech.“
Kurz huscht über sein Gesicht ein Lächeln. „Weißt du eigentlich, wie ich vor deiner Tür stand und mich entschuldigen wollte?“
„Null?“
„Jeden Tag, jedes Mal vor der Klingel verließ mich der Mut und dann hat deine Mutter mir aufgemacht. Wir haben geredet.“
„Und?“
„Du bist mir nicht egal, auch wenn du das denkst. Mir wurde nur beigebracht, es zu ehren und nicht … Meine Mam, sie hat mir erzählt, wie sie ihre Jugend dort erlebt hat. Ich habe deine Geschichte gelesen und jetzt stehst du hier, willst du wirklich zurück.“
Mein Blick geht musternd zu seinen Füßen und zucke mit den Schultern. Die Frage trifft mich irgendwie, denn wollen tue ich nicht, ich habe mich doch dafür entschieden diesen Weg zu gehen. Aber deswegen mit ihm zusammen in einer Wohnung zusammen gepfercht zu sein, weiß ich nicht, ob ich es aushalte. Für einen kurzen Moment, kommt mir der Gedanke, vielleicht doch zurückzugehen und es mit Sven zu probieren, doch so schnell er auch aufkam, so vehement schiebe ich ihn wieder beiseite. „Ich will woanders wohnen!“
Seine Berührung an meiner Wange lässt mich zusammenzucken und trifft mich wie ein warmer Sonnenstrahl, wenn man aus der Haustür tritt. „Ich weiß, dass ich dich verletzt habe, aber auch, dass du mir im Grunde eine Antwort gegeben hast, die ich erst zu spät gesehen habe.“ Ich runzel die Stirn. „Du hast keinen mehr gewollt“, haucht er gegen meinen Mund. Gegen dieses Gefühl der Geborgenheit, als seine warmen weichen Lippen auf meine legen, will ich ankämpfen, aber es ist stärker. „Lass uns es langsam angehen.“
„Was bezweckst du mit dem ganzen Hin und Her?“, will ich leise wissen.
„Ich habe Angst“, gesteht er noch viel dezenter als meine Frage. Langsam lässt er mich los. „Bitte bleib, werfe es nicht weg, nur weil ich ein Arsch war.“

Ich bleibe und gehe ihm doch aus dem Weg. Immer wieder versucht er, mich zu animieren, mit ihm zu essen, mit ihm etwas zu unternehmen, aber ich lehne ab. Inzwischen schleiche ich mich hinaus und streife stundenlang durch diese Großstadt, nur um ihm und diesen Gefühlen aus dem Weg zu gehen.
Ein Fiepen dringt an mein Ohr. In einer Gasse wird es lauter, als ich den Müllcontainer aufmache, gehe ich einen kleinen Welpen, der in einer Katzenbox einfach weggeworfen wurde.
„Hey Kleiner“, sage ich und angele ihn mit seinem Gefängnis heraus. Sein weißes Fell ist mit getrocknetem Blut übersät und in mir koch Wut auf. Vorsichtig hole ich den Welpen aus der Box, sofort schleckt er mir über mein Gesicht. Ich weiß, dass ich ihn nicht mitnehmen darf, dass ich sollte ich erwischt werden, mir sehr viel ärger einheimse, das ich vermutlich zurückmuss, aber ich kann und will ihn nicht hierlassen. Mit dem Handy suche ich eine Arztpraxis für Tiere in der Nähe.
Gefühlte Millionen Mal muss ich mich rechtfertigen, das ich den kleinen so gefunden habe. Mein letztes Geld geht für seine ärztliche Versorgung, und etwas zu essen drauf, aber es ist mir egal. In meiner Tasche schmuggel ich ihn in das Büro. Zwei Schalen hole ich aus der Küche.
Gierig macht der Welpe sich über das Futter her.
Es ist schön, zu sehen, wie er aufblüht.

„Hast du etwas zu beichten?“, fragt mich Lee, als ich von der Arbeit heimkomme.
Zwerg konnte ich heute nicht mitnehmen, aber ich weiß, dass er leise ist. „Nicht das ich wüsste.“ Mein Blick geht zu meiner Tür, sie steht offen, habe ich sie aufgelassen, war Lee da drin?
Er hebt einen Schuh hoch. „Dann hast du ihn angenagt?“
„So wie es aussieht.“
Er prustet los. „Du bist mir schon eine. Aber wir können ihn nicht behalten, Kate er …“
„Ich fahr zurück, aber ich gebe Zwerg nicht wieder her“, unterbreche ich ihn. Wie befohlen, kommt der Welpe aus meinem Zimmer getappt.
„Wir dürfen hier im Haus keine Tiere halten.“
„Ist mir egal“, sage ich und nehme den Hund auf meinem Arm.
Seufzend setzt sich Lee hin und beobachtet uns. „Okay hör zu, wir dürfen nicht auffallen. Wird er den groß? Denn dann müssen wir schauen, wie wir ihn verheimlichen können.“
„Ich darf ihn behalten?“, hinterfrage ich erstaunt.
„Wir behalten ihn, aber jetzt erzähl …“
Vor Freude setze ich den Hund ab und umarme ihn. „Danke.“
„Gerne.“
Wir haben ein langes Gespräch geführt, was wir machen müssen, wie ich ihn gefunden habe und was der Arzt gesagt hat.

Da ich geplant habe, über Ostern zu meiner Mutter zu fahren, hat er beschlossen, uns mit dem Auto mitzunehmen. Angeblich, weil er die Umbauarbeiten am Haus kontrollieren will. Aber durch Zwerg hat sich unser Verhältnis verändert, was das in Zukunft zu bedeuten hat, weiß ich nicht, nur dass wir gerade an einem Strang ziehen.
„Lee komm doch mit rein“, bittet meine Mutter ihn, als ich aussteige und Zwerg gerade von seinem Geschirr erlöse. Dieses mag er gar nicht, die ganze Zeit hat man Gebrumme gehört, und wie er versucht hat darauf herumzukauen.
„Ist es dir recht?“, fragt er mich leise.
„Es ist deine Sache.“ Zwerg springt von der Rückbank nach draußen und auf meine Mutter zu. Ob es mir recht ist, weiß ich eigentlich gar nicht. Einerseits ja, ich mag es, wenn er in meiner Nähe ist. Aber anderseits hängen wir seit einer Woche fast nur aufeinander.
„Aber nur auf ein Osterlamm“, ruft er ihr zu, als er aussteigt. Ich verdrehe die Augen, da ich jetzt schon weiß, dass dies abgesprochen ist.
Kopfschüttelnd betrete ich den Flur. Offensichtlicher geht es nicht mehr, dass meine Mutter definitiv mehr geplant hat. Schon der Flur ist mit Weidenkätzchen dekoriert, an denen bunte Eier hängen. Auf dem Küchentisch steht ein Korb mit einem Schokohasen und Süßkram. „Mam“, brumme ich.
„Wen hast du den da mitgebracht?“, jauchzt sie und wuschelt Zwerg durch sein Fell.
„Sei vorsichtig, er ist noch verletzt“, sagt Lee. Ich lächle ihn an.
„Also?“, will meine Mutter wissen.
Während ich den Tisch decke, erklärt Lee ihr, wie das mit Zwerg kam. Vor ihr hört man die ganze Zeit über: „Aber du bist doch so ein Lieber.“

Eigentlich ist der Nachmittag gar nicht so schlimm, denke ich mir gerade.
Lee streckt sich gerade. „So ich sollte jetzt mal nach dem Haus sehen.“
„Du kannst auch hier übernachten“, wirft meine Mutter sofort ein, „oder Ashley?“
„Kate, verdammt noch mal ist das so schwer?“
„Du heißt Ashley Kate, für mich wirst du immer also so heißen.“
„Toll!“, grummel ich.
„Wie kommt der Name eigentlich zustande?“
„Meine Mutter ist ein Fan von diesen Schauspielerinnen.“
„Na ja nicht ganz. Ich war drei Monate vor der Geburt im Krankenhaus. Dort haben sie nur einen Sender gehabt und es lief immer diese Serie, und das Baby da drin wird von diesen Schauspielerinnen gespielt. Sie war süß und da habe ich meine süße eben so benannt.“
Ich tue, als wenn ich mich übergeben müsste. Lee lacht und streicht mein Bein. Zwerg bellt ihn an. Was mich zum Lachen bringt.

Ich begleite Lee zum Auto. „Ich hole euch dann um elf morgen ab.“
„Du willst nur die Einladung zum Braten bekommen.“
„Erwischt“, sagt er und zwinkert mir zu. „Wenn etwas ist, dann ruf an.“
„Viel Spaß dir.“
„Sei nicht immer so griesgrämig.“ Er zieht mich zu sich und küsst meine Stirn. „Schlaf gut.“
„Werde ich“, gebe ich von mir und halte wieder Abstand. Mir passt es nicht, dass er geht, aber etwas zu sagen treue ich mich auch nicht.
Er steigt ein und zündet den Motor. Kurz blickt er lächelnd zu mir und rollt dann los. Bis er um die nächste Abbiegung ist, sehe ich ihm hinterher.
„Wenn du Pech hast, wird er irgendwann ganz gehen“, sagt meine Mutter an der Haustür.
„Er hat gesagt, ich soll gehen.“
„Und auch das du bleiben sollst.“
Das stimmt wohl, aber auch, dass er Zeit benötigt, und die brauche ich auch. Vielleicht verschwindet dieser Zwiespalt in mir, aber gerade tobt es in mir. Ich habe Angst und bin auch irgendwie erleichtert.
Zwerg kratzt an meinem Bein. „Alles ist gut mein Kleiner.“ Ich nehme ihn hoch und gehe wieder ins Haus zurück.

Die Beklommenheit will nicht verschwinden, erst als ich in der früh nach dem Gassi gang das Auto von Lee vor unserer Haustür sehe, kann ich wieder durchatmen. Zwerg ist kaum noch zu halten und springt um den Mann herum. „Hey Zwerg, hast du mich vermisst.“
„Es sind die Leckerli“, ziehe ich ihn auf.
Er streckt mir die Zunge heraus, als er in die Hocke geht und den Hund streichelt. „Das Haus ist fast fertig.“
„Und dann?“
„Kann ich immer noch nicht sagen.“ Sein Blick geht wieder zu mir. „Geht es dir nicht gut?“
„Doch doch.“
„Willst du einen Kaffee Lee?“, fragt meine Mutter, sie sitzt an Küchentisch und beobachtet uns. „Ashley reiche ihm doch Frühstück.“
„Er isst morgens nicht und ich heiße Kate!“
„Das ist aber ungesund“, mahnt sie ihn.
„Wir essen meist zusammen im Büro, am Wochenende schlafen wir um diese Zeit eigentlich noch.“
„Du schläfst, ich bin da schon mit Zwerg draußen.“
Er lacht. „Und dann legst du dich wieder hin, bis ich dann das Mittagessen fertig habe und dich wecke.“
„Hat ja keiner gesagt, dass du das machen musst.“
Viel zu schnell ist er vor mir. „Als wenn du dich beschweren würdest“, sagt er provokant und streicht über meine Nase.
„Habe ich nie behauptet.“
„Na, wenn du immer kochst, da ist eine Küche“, sagt meine Mutter.
„Das hast du ja gut hinbekommen“, schmunzelt er.
„Ich? Das ist wohl dein eigenes Vergehen.“
„Mh ich gebe mich ausnahmsweise geschlagen und werde euch bekochen.“ Wieder stupst er meine Nase an. „Und du hilfst mir.“
„Dann lass ich euch mal alleine“, höre ich meine Mutter und dann die Eingangstür.
„Dir ist schon klar, was sie vorhat.“
„Wir brauchen sie nicht dafür.“
„Was macht dich so sicher?“, frage ich leise.
Seine Finger gleiten über meine Wange. Langsam beugt er sich zu mir hinunter. „Weil wir bereits weiter sind.“ Ich schlucke und dann spüre ich seinen Mund auf meinen. Eine zarte Berührung, die viel mehr in mir auslöst, als mir lieb ist. Vorsichtig lege ich meine Arme um seinen Hals. Als er seine Lippen öffnet und ich seine Zunge spüre, habe ich das Gefühl zu ertrinken und er ist die Luft, die mich am Leben erhält. Wild beginnt Zwerg an, zu knurren.
„Was hat er?“, fragen wir beide wie aus einem Mund. Ich zucke mit den Schultern. Uns zumindest scheint er nicht zu meinen, er steht an der Terrassentür und fletscht mit seinen Zähnen. „Ich schaue mal nach.“ Doch der Blick auf die Wiese hinterm Haus ergab nichts.
„Ich würde ihn jetzt nicht hinauslassen.“
„Habe ich auch nicht vor.“ Nach einer nochmaligen Betrachtung des Gartens schüttel ich den Kopf und wende mich Lee zu. „Lass uns Kochen.“
Einerseits bin ich froh darüber, dass Zwerg uns gestört hat, anderseits bin ich enttäuscht. Ich habe keine Ahnung, was dieser Mann wirklich will, mal ist er abweisend und so wie gerade habe ich das Gefühl, er will es jetzt wissen.

Nachdem wir gegessen haben, fahren wir zurück. Auf seinem Handy sind einige Nachrichten von seiner Mutter und wie sie in das Mikrofone schreit. „Der Hund ist anscheinend aus dem Sack“, meint er gelassen.
„Dann sollte ich hierbleiben.“
„Quatsch, sie kann uns erst mal gar nichts, sechs Wochen darf er auf Pflege sein, bis dahin lassen wir uns etwas einfallen.“ Er streicht über das helle Fell des Hundes. „Dafür mag ich ihn zu sehr, dass ich so leicht aufgebe.“

Er hält Wort, seine Mutter tobt und er ist irgendwie die Ruhe selbst. So lebt knapp zwei Wochen später Zwerg immer noch bei uns. „Glaub es mir, es ist alles geregelt“, sagt er mir, als ich wie ein auf gescheutes Huhn durch das Wohnzimmer flitze. „Sie passt auf.“
„Aber …“
Er nimmt meine Hände. „Nichts aber, wir beide müssen zu dieser Eröffnung und Zwerg würde dort nicht erfreut sein.“
„Sie mag ihn aber nicht.“
„Mögen ist eher das falsche Wort. Sie ist nicht begeistert, dass, wenn das herauskommt, wir die Kündigung bekommen.“ Er nimmt mich in den Arm. „Beruhig dich, es wird alles gut gehen.“
„Muss ich da wirklich hin?“
„Ja, Cade Arscher könnte der Eintritt in die amerikanische Oberschicht. Er und Hunter Buchanan sind gut befreundet.“ Buchanan! Allein der Name lässt mich vor Angst erzittern. Er kann ja eigentlich nichts dafür, aber ihm ist schreckliches passiert und doch eilt sein übellauniger Ruf ihm voraus.

„Willkommen“, sagt ein Mann an der Tür.
Verkrampft kralle ich mich in den Arm von Lee. Er hingegen scheint die Ruhe selbst zu sein. Hat der ein Glück! Nach einer mir endlos scheinenden Aneinanderkettung von Gesichtern und Namen nehme ich dann doch Reißaus. Ich habe ein riesiges Gewächshaus entdeckt und betrachte die Blumen.
„Ich glaube nicht, das sie hier sein dürfen“, brummt ein mir unbekannter Mann im Schatten, dass ich ihn kaum erkenne.
„Es ist mir zu voll da drinnen, diese ganzen eingebildeten Snobs.“ Ich seufze. „Tut mir leid.“
„Blue Girl.“
„Wie bitte?“
„So heißt diese Rose, vor der sie stehen, ich habe sie für meine Frau auch gezüchtet.“
„Das ist eine wundervolle Methode, jemanden zu zeigen wie sehr man ihn liebt.“ Ich knie mich vor den Strauch. „Ich hoffe, aber ihre rochen besser“, sage ich, als ich kurz daran geschnuppert habe.
„Welche mögen Sie den am liebsten?“
„Kann ich nicht sagen, so sehr habe ich mich nie damit beschäftigt.“ Ich mache einen Schritt auf ihn zu und er geht mehr ins Dunkle. Doch ich strecke ihm die Hand hin. „Ich bin Kate, na ja eigentlich Ashley Kate Althaut.“
„Sie mögen diesen Namen wohl nicht?“
„Gegen meinen Nachnamen habe ich eigentlich nichts, wenn ich heirate, ändert er sich eh, aber Ashley.“ Mich schüttelt es. „Es klingt für mich einfach nicht gut.“
Er atmet tief durch und erwidert dann meine Geste. „Hunter Buchanan.“
Ich reise meine Lider auf. „Oh Fuck, es tut mir leid, ich …“
Sein Lachen schallt von jeder der Glaswand wieder. „Sie würden meiner Frau gefallen.“
„Es tut mir wirklich leid.“
Er lässt mich los. „Schon in Ordnung.“
„Ich gehe dann mal und lasse sie wieder alleine.“
„Schrecke ich sie so ab?“
„Was nein, aber ich habe tierische Panik vor ihnen, sie sollen vernichtend und angsteinflößend sein.“ Ich hole tief Luft, jetzt bin ich eh schon im Fettnäpfchen drin. „Mein Beileid übrigens noch und Sie sind ein starker Mann.“
Er macht einen großen Schritt auf mich zu, im Schein des Lichtes ist die Narbe deutlich zu sehen. „Finden Sie?“ Sein Ton ist drohend.
„Ja, mal ehrlich. Ich würde mich einbuddeln und nicht stolz durch die Weltgeschichte laufen.“
Er mustert mich. „Danke“, sagt er dann auf einmal.
Der Atem, den ich unterbewusst angehalten habe, lasse ich entweichen. „Gerne.“ Ich gehe ein paar Schritte und wende mich dann noch mal an ihm. „Könnten Sie bitte für sich behalten, das eine Praktikantin Sie unverschämt vollgelabert hat?“
Er lacht und nickt dann.
Drinnen kommt mir Lee entgegen. „Wo warst du, ich habe nach dir gesucht?“
„Ich … Ich brachte ruhe.“ Ich blicke über die Schulter uns zurück zu der Silhouette von ihm. Er macht mir immer noch Angst, auch wenn er anscheinend sich über mich amüsiert.

Niemand hat je etwas über mein Zusammentreffen mit ihm gesagt, was mich ehrlich erleichtert. Nicht mal die zweite Praktikantin, die dort ist und mir sonst jeden Fehler noch tausendmal vorhält, gibt etwas von sich. Anscheinend kann man sich auf ihn verlassen. Blondes Gift oder blaue Pute nenne ich sie zumeist nur.
„Wo warst du den am Wochenende auf einmal, ich habe mich köstlich mit Mister Archer unterhalten, der Platz ist mir so gut wie sicher“, sagt Jennifer Abraham, die zweite Praktikantin. Ich will gerade Kaffee für Lee machen, als sie in die kleine Küche kommt.
„Es waren mir zu viele Menschen“, antworte ich.
„Ach ja.“ Sie schubst mich regelrecht von der Kaffeemaschine. „Schon fertig, der Chef will einen haben.“
Ich will etwas sagen, aber schweige, als sie weiter plappernd, wie toll sie doch ist, die Tasse füllt. Hüfte schwingend watschelt sie aus dem Zimmer. Ich nehme die Tasse von Lee und gehe zu ihm. „Sag mal, ist es böse von mir, die blaue Pute mit einem entkoffeinierten Kaffee zum Chef laufen zu lassen?“
Er lacht auf. „Nein, hast du?“
„Zumindest habe ich sie nicht aufgeklärt, auch nicht, dass die Milch 7,5 hat und nicht aus Hafer.“
„Böses Mädchen.“ Er nimmt einen tiefen Schluck. „Also mir schmeckt es.“
Die Tür knallt auf. „Das hast du mit Absicht getan. Du bist eifersüchtig auf mich.“
„Weil du nicht lesen kannst?“
„Jennifer, wir arbeiten hier“, meint Lee, in einem Ton, wo ich inzwischen weis, dass man vorsichtig sein solle, was man nun von sich gibt.
Ihr Gesicht wird rot und wirf schimpfend das Schloss wieder in den Rahmen.
„Ich sollte hinterher und mit ihr reden, es ist eh schon schwer zwischen uns.“
„Nein, du bleibst hier. Sie kann das vertragen.“
Seufzend setze ich mich neben ihn. „Ich mag es trotzdem nicht.“
„Schau nicht, was sie macht, sondern, dass du zeigst, was in dir steckt.“
„Aber sie ist doch so toll“, äffe ich sie nach, auch wie sie dabei immer ihre blonden Locken betatscht.
Lee lacht los. „Na komm wir sollten das hier fertig machen.“
Ich nicke, auch, wenn ich weiß, dass es ein Fehler ist, denn sie wird sich definitiv rächen.

Kein Tag vergeht, seit dem das sie nicht ihre schlechte Laune an mir auslässt. Selbst meinen anderen Kollegen ist es schon aufgefallen und Lee sagt sie benötigt eine Abrechnung. Großartige Ideen hat er aber auch nicht, so lass ich es einfach über mich ergehen.
„Was ist das?“, will ich von ihm wissen. Wir sind zu Hause. Er nötigt mich dazu, Frühjahrsputz zu machen. Gerade sind wir an seinem Schreibtisch angekommen und ich habe eine kleine rote Packung aus der untersten Schublade gefischt.
„Feuerteufel, kennst du das nicht?“ Er nimmt es mir aus der Hand, holt Papierkügelchen heraus. „Wenn man die auf den Boden wirft, geben sie einen kleinen Knall von sich.“ Demonstrativ führt er es auch gleich fort. Ich weiche aus. „Es ist ungefährlich, jagt aber einen der es nicht weiß einen Schrecken ein.“
„Funktioniert das auch überall?“, will ich wissen.
„Müsste, warum?“
„Mein ist die Rache.“

So kommt es, dass ich mich über eine Stunde früher im Büro bin und die Frauenklos mit diesem Feuerteufel präpariere. Unter jeden die Abstandsnoppen klebe ich zwei mit Kreppband fest, lege es vorsichtig auf und warte gemütlich in der kleinen Küche auf den Aufschrei vom blonden Gift. Immer, wenn sie ins Büro kommt, ist ihr erster Gang auf das Klo. Sie würdigt keinem einem Blick. Breit grinsend stehe ich am Türrahmen, hinter mir Lee. Dann kommen die Knaller und sie läuft schreiend aus dem Klo. Ihr Blick fällt auf mich. Ihre Lippen presst sie aufeinander und ich weiß genau, was sie in ihrem Kopf gerade denkt.
Jetzt muss ich also aufpassen, aber das ist es mir wert gewesen.

Zu meiner Überraschung aber ist nichts mehr gekommen. Mann könnte auch sagen, es liegt daran, dass sie ein paar Tage später nicht mehr zur Arbeit gekommen ist. Lee meint er weiß von nichts, aber ich kenne diesen Mann schon etwas besser und weiß, das er mich da anlügt.

Das war der zweite Teil von Kate und Lee, wenn ihr wissen wollt, wie es weiter geht, dann schaut auf Instagram vorbei, oder ende April für den dritten Teil.

Den ersten Teil könnt ihr hier lesen <3

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