Maila Hader

Maila 3

Ich halte inne. „Was?“
„Darum ist er von euch gegangen.“
Ich schlucke. „Mein Bruder ist tot!“
„Ja, aber erst seit zwei Monden.“
Ich schüttel den Kopf. „Das kann nicht sein, er ging zu dem Drachen, da war ich selbst noch ein Kind.“
„Er hat mir erzählt, dass er am Land gespült worden ist und dort dann meine Mutter ihn gefunden hat.“ Ich schließe meine Lider, der Schmerz der Erinnerung lässt mein Herz sich verkrampfen. „Darum habe ich euch gewarnt, dass Kind ist nicht fähig …“
Ich greife ihr an den Hals. „Wenn er nicht wäre, dann würdest du leblos hier oben schwimmen.“
„Er ist trotzdem ein Kind“, krächzt sie. „Die Tragweite seines Handelns kennt er nicht.“
Ich lasse los. „Ich vertraue ihm und dir glaube ich kein Wort.“ In mir tobt ein Gefühlschaos. Was ist, wenn es stimmt und sie meine Nichte ist, aber warum kam er dann nie zurück. Warum hat er uns alle im Glauben gelassen, er ist von uns gegangen?
„Hier!“, brüllt sie mich an und streckt mir eine Muschelkette entgegen. „Die sollte ich dir geben, um meinen Platz einzunehmen.“ Das A ist deutlich zu erkennen und es ist das Türkis die Farbe unserer Familie auf dem es prunkt. „Du bist hier, also sind wir die Letzten.“
„Du könntest du ihm abgerissen haben.“
„Papa hat erzählt, dass du als Kind einen Freund hattest. Helius. Du wolltest nicht, dass er mit geht, darum schlich er sich in die Gruppe von Papa.“
Leider muss ich mir eingestehen, dass diese Information niemand haben kann, der nicht mit meinem Bruder etwas zu tun hatte. Ich befahl der Ranke, sich zu lösen. „Ich traue dir trotzdem nicht, aber ich werde dich nicht sterben lassen. Darum sieh zu, dass du aus diesem Gebiet verschwindest.“ Ich überlege kurz, ihr die Kette zu nehmen, aber ich lasse sie ihr und rette los.

Mein Blick geht über die Schulter, verwundert sehe ich, wie sie mir hinterher schwimmt, als Meerjungfrau. Jetzt kann ich es nicht mehr leugnen und stoße einen Fluch aus. „Los helf ihr“, befehle ich dem Wasser. Erst als ich die Blase erreiche, die Andrew, den Kutscher und Loreley umschließt, verwandle ich mich zurück.
„Hoheit, es tut mir leid“, kommt so gleich von Andrew.
„Dir muss nichts leidtun.“ Er starrt hinter mir. Ich wende mich zu dem Wasser, hebe meine Hände in die Höhe. „Wasser der Höhe, hört meinen Zauber, lasst den Blitz …“
„Hoheit, da sind Kinder und unschuldige Menschen“, unterbricht Andrew mich.
„Er hat recht Hoheit“, sagt leise Loreley.
„Ich würde sie alle bestrafen!“ Mein Blick ging zu der Fremden, meiner Nichte. „Sie werden sonst immer kommen.“
Andrew stellt sich dazwischen. „Ich flehe euch an Hoheit, rächt euch an die, die es verdient haben, aber nicht an den Unschuldigen.“
Ich senkte meine Arme. „Sie hat recht, es werden andere kommen. Was ist, wenn sich dich getötet hätten?“
„Wir sind jetzt vorgewarnt und können reagieren, aber dort sind Kinder, du hast mir auch nichts getan, obwohl …“ Er sieht weg.
„Wir sind zu wenige, wie soll das Kind sie bekämpfen.“
Böse sehe ich die Fremde an. „Nenn ihn nicht so!“
„Du kannst uns nicht dauern beschützen, du gibst deiner Magie die Kraft, bist du müde, ist auch der Zauber vorbei. Was denkst du, was dann alles passieren kann?“ Sie drückt ihn zu mir. „Was mit diesem Kind passiert?“
„Hoheit“, kommt vom Kutscher. „Wenn sie recht hat, ist unser Leben in Gefahr und wir sollten hier weg. Ein Paar weitere Helfer wäre von Vorteil.“ Er legt die Hand auf Andrews Schulter. „Werdet nicht zu einem Monster, was noch mehr Hass uns entgegenwirft.“
Nur meinetwegen sind sie in Gefahr, ihr Schutz hat hohe Priorität.

Was soll ich aber tun? Wenn ich die meinen rufe, werden sie kommen, ohne Frage, aber eher mich überreden wollen, dies hier zu vergessen. Schaffen wir es vielleicht doch zu fünft?
„Wir sind nicht allein, es gibt einige da draußen wie mich.“ Schnaubend sehe ich zu meiner Nichte. „Ich kann dir versichern, das sie dir helfen werden.“
Ich wende mich an Andrew zu. „Ich muss eine Lösung finden, dich zu verlieren, euch … das kann ich nicht zulassen.“
„Dann gib uns die Kraft euch zu helfen Hoheit, ich kann das.“
„Er bleibt ein Kind“, zischt meine Nichte.
„Er ist reifer als du gerade.“
„Dieses Kind musste auch nicht, das durchmachen, was ich erlebt habe.“
„Andrew“, schrie Loreley sie an, „hat von Kindesbeinen an für sich allein sorgen müssen. Sein alkoholkranker Vater hat seine Mutter erschlagen und als er alt genug war, verkauft, wie ein Stück Vieh. Also komm mir nicht, dass du gelitten hast.“
„Macht doch, was ihr wollt“, gab meine Nichte von sich und wollte gehen.
„Hoheit“, keuchte Max. Ich drehe mich um zum Kutscher und sehe, wie Menschen auf Booten auf uns zu kommen. „Wir sollten verschwinden.“
„Aber diese suchen den Streit“, flüster ich.
„Ja“, antwortet Andrew, aber ich weiß, ohne das er es ausspricht, dass er es trotzdem nicht gutheißt. Diese Blase wird platzen und sie sterben, das ist so klar wie die Gezeiten. Was kann ich nur tun.
Mich, als ein Monster hinstellen lassen, oder die Menschen, die meinen Schutz gerade benötigen zum Tode verurteilen.
„Ich habs“, rief Loreley aus. Verwundert blicke ich zu ihr. „Haie, besser gesagt Illusionen, verschaffen uns Zeit, von hier zu fliehen, und wir entgehen diesen Konflikt.“
Langsam nicke ich, diese Idee war gar nicht so schlecht. Trugbilder konnten sie aber nicht lange genug aufhalten.
„Marisons“, sagt meine Nichte. Die anderen kräuselten die Stirn. „Das sind Hai, die im königlichen Palast eingesetzt werden, sie sind riesig, aber nur Algen und Seetang essen.“
„Wie sollen sie den hier herkommen, eine andere Lösung muss her“, seufze ich.
„Du kannst Wasser in Seepferde verwandeln“, meint Andrew, „warum dann nicht Wasser in diese … Haie?“
„Ein Versuch ist es wert Hoheit“, stimmt der Kutscher zu. Ich kann nur hoffen, dass es wirklich gut geht. Ich strecke meine Finger in das Wasser. Flüstern und mit geschlossenen Lidern spreche ich die Wörter. „Oh Gott“, keucht er einmal auf. Immer weiter kommt die Zauberformel aus meinem Mund. Diese magischen Marisons zu rufen, braucht mehr kraft, als in gerade Habe. Ich merke, wie es aus mir fließt. Immer schleppender kann ich mich konzentrieren.
„Hoheit“, schreit Andrew, warum weiß ich nicht. Ich habe auch nicht mehr die Kraft, meine Lider zu öffnen.

„Das war einfach zu viel“, höre ich eine Stimme, die im Dunkeln schrillt. Irgendwie kommt sie mir bekannt vor, genau kann ich aber nicht sagen.
„Es bringt aber nichts, wenn ihr die Kinder anschreit“, kommt dieses Mal von meiner Nichte.
Kinder? Meint sie Andrew und Loreley und wer schreit sie an?
„Sie ist die Königin, sie hätte nicht mal in diese Welt gehen dürfen!“
Jetzt weiß ich, woher ich sie kenne und versuche, die Finsternis zu durchdringen. Lichtblitze und dann kann ich endlich sehen. Tatsächlich steht sie da, die Frau, die schon immer an meiner Seite war. Ratgeberin, vertraute und zu vorsichtige Ziehmutter. In ihrer menschlichen Gestalt wirkt sie alt und gebrechlich. „Nora bitte“, sage ich sehr leise.
Genau zwei bemerken es nur. Andrew und die Wache, die hinter Nora steht. Auch, wenn ich nur seine Augen durch den Helm erkennen kann, weiß ich sofort, wer es ist. Uras, eigentlich meine Leibwache. Er ist es, der Nora aufmerksam macht, dass ich wach bin. Sofort wird aus der strengen Mimik ein besorgter Blick. „Was machst du den für Sachen?“
„Ich will mein Königreich zurück und dieses Vieh soll vernichtet werden. Zu lang schon, lassen wir uns von ihm auf der Nase herumtanzen. Zu viele von uns hat er schon das Leben genommen, ich bin die Königin, ich kann und will das nicht mehr dulden.“ Stark soll es klingen, aber ihr Ausdruck und das leichte Seufzen entnehme ich, dass es dies nicht tut. „Ich werde weiter ziehen, die Drachenreiter und die Magier in dieser Ebene um Hilfe bitten.“ Nora schüttelt ihren Kopf. „Wir brauchen verbündete“, gebe ich fest von mir.
Sie reibt ihre Schläfen. „Ohne jemanden loszuschwimmen, was hast du dir dabei gedacht?“
Ich richte mich auf. „Jeder hätte mich aufgehalten, boten geschickt oder sonstiges. Aber das ist mein Kampf gegen die Bestie, die meine Familie ausgelöscht hat.“ Sie sieht zu Andrew. „Und ich bin nicht allein.“

Stolz hebt Andrew seine Brust und auf seine Wangen legt sich eine leichte Röte. Meine Beraterin schüttelt weiter den Kopf. „Du bist die Königin, was denkst du passiert mit unserem Königreich, wenn du auf dieser dummen Mission stirbst.“
Ein leichtes Räuspern verwundert blicke ich zu Uras. „Ich stimme ihnen zu Madam Nora, das eure Hoheit einfach gegangen ist, ohne etwas zu sagen, nicht nachgedacht war. Aber Sie hat auch recht, wollen wir weiter zusehen, wie dieses Ungeheuer uns weiter nach und nach verschlingt, und wir so gesehen ohne zu Hause sind?“
Sie presst ihr Lippen aufeinander, so fest, dass sie fast weis werden. Seine Argumente haben ihr den Widerspruch genommen. „Willst du jetzt in der Menschenwelt umherwandern und sie beschützen?“
„Das ist meine Aufgabe und eure.“
Immer wieder öffnet sie den Mund und wenden sich verneinend ab. „Nora, du musst nicht bleiben, aber ich bitte dich gut auf die nächste Generation aufzupassen.“ Ruckartig dreht sie sich zu mir und starrt mich ungläubig an. Ich zeige auf meine Nichte. „Sie ist die Tochter von Aru.“
„Was? Aber das geht doch gar nicht er …“
„Das“, unterbreche ich sie, „erklärt sie dir.“
„Ich werde mit dir gehen“, ruft meine Nichte aus.
„Nein, das wirst du nicht, du wirst in Sicherheit gebracht, denn mit einem hat sie recht, unsere Linie muss erhalten bleiben.“
„Das war dir vorher auch egal“, zischt sie zwischen den Zähnen hindurch und verschränkt trotzig ihre Arme.
„Wie heißt du?“, fragt Nora sie.
„Enja“, knurrt sie.

Ich richte meinen Blick verlegen zum Boden, mir kam in der ganzen Zeit nicht einmal die Idee, sie zu fragen wie sie heißt, zugegeben, im Grunde zweifle ich auch noch daran, dass sie wirklich seine Tochter ist. Vielleicht auch weil ich nicht glauben kann, dass mein geliebter Bruder mich so gesehen hintergangen hat.
„Alles in Ordnung?“, fragt leise Andrew.
„Ja. Ich habe etwas Hunger, kannst du Loreley schicken.“
Zögerlich bejahrt er es und verlässt das Zimmer. „Er muss noch viel lernen“, gibt schmunzelnd meine Wache von sich.
„Jahrzehnte sind eben nicht aufzuwiegen mit ein paar Tage“, antworte ich leicht lächelnd. Schon immer ist er an meiner Seite gewesen und ich kann ihm nicht mal verübeln, dass er gerade etwas enttäuscht ist, das ich ohne ihn gegangen bin. Aber das musste ich einfach tun, wäre es mit ihm leichter gewesen? Kann sein, aber dadurch kam Loreley und Andrew in mein Leben.
„Also, was ist dein Plan?“ Seine Mimik ist immer noch freundlich, aber sein Ton sagt, wage es nicht, mich wegzuschicken.
„Wir müssen zu den Magiern und den Drachenreitern, sie sind auf dieser Ebene.“
Er neigt seinen Kopf, diese Angewohnheit hat er schon, seit wir Kinder gewesen sind. „Und du dachtest, dass ein kleines Kind vor ihnen beschützen kann?“
„Andrew ist meiner Magie ausgesetzt, er verändert sich schon, bis dahin …“
Er schnaubt. „Kind bleibt Kind, da ändert sich nicht das aussehen.“
„Er ist reifer, als jedes Meerkind, was ich kenne.“
Seine Hände stemmt er in die Hüfte und schüttelt seinen Kopf. „Du wieder.“ Ich weiß auch, was er meint, was mich aber zum Grinsen bringt.

„Bis jetzt habe ich immer recht gehabt“, gebe ich von mir. Was meine Wache dazu verleitet seine Augen zu rollen. Wir kennen uns einfach schon zu lang.
„Und du bringst ihn in Gefahr, lass ihn ziehen.“
Ich schüttelte meinen Kopf, das wollte ich nicht hören, Andrew gehörte zu mir. „Nein“, gebe ich von mir.
„Du bist die Königin, aber wir sind auch Freunde und ich muss dir sagen, dass du den Jungen in sein Unglück stürzt. Die Reise wird sein Tod sein.“
Mein Blick geht zur Tür. „Er ist stärker, als du denkst.“
Er atmet laut stark aus. „Wenn du dir etwas in den Kopf gesetzt hast, wird das eh nichts dir auszureden.“
„Aber er hat recht“, meldet sich nun meine Beraterin.
Die Tür springt auf und Andrew stürmt ins Zimmer. „Ich werde nicht gehen!“
Auch meine Nichte und Loreley sahen mich an, als wenn sie sagen wollen: „Und wir auch nicht.“
„Okay, dann sind wir wohl zu sechst.“ Ich musste Uras anlächeln. Im Grunde ist mir klar gewesen, dass er mir beistehen würde. Er konnte es ja mal probieren.

Doch bevor meine Wache und meine Beraterin zu lassen, dass ich wieder in eine Kutsche steigen kann, muss ich etwas essen und zu Kräften kommen. Letzteres ist etwas schwer, ich habe das Gefühl, das etwas meine Kraft abzieht. Am Abend sind wir deswegen noch immer in diesem Haus und ich liege im Bett.
Loreley stellt gerade neben Uras den Eimer hin und sieht mich besorgt an. „Sei doch vernünftig“, sagt er zu mir, als sie herausgeht,
„Wir müssen weiter, ich kann auch dort ausruhen.“
„Das kann ich nicht zu lassen, das weißt du.“
„Aber ich …“
„Ja du bist die Königin und du hast die Macht, mir einen befehlt zu erteilen, aber als dein Freund und Leibwache muss ich auch ab und zu, um dich zu schützen, dagegen agieren.“
„Jeden Tag, den wir warten …“
„Ein Tag mehr oder weniger macht nichts aus. Wir haben schon so lang damit gelebt.“
Ich seufze. „Viel zu lange.“
Nora kommt herein und gibt mir einen Tee. „Hast du noch ein Wasserwesen?“, fragt sie mich.
„Nein, du weißt mit der Ohnmacht, lösen sie sich auf.“ Ich blick zu Uras. „Was ist eigentlich passiert?“
„Als wir beide merkten, dass du nicht da bist, haben wir die Welten nach Energie abgesucht und sind dir gefolgt. Als du das Land Unterwasser gesetzt hast, war uns klar, wo du bist. Gerade rechtzeitig konnte Nora dich und die Kinder retten.“
„Es war töricht von dir, alleine zu gehen“, wiederholt sie. Aber mir ist es egal, ich muss mein Volk retten.

Nach dem Tee schlafe ich erst mal. Doch auch drei Tage später bin ich immer noch geschwächt.
Andrew rüttelt mich wach. „Komm Hoheit.“
„Ist etwas passiert?“
„Sie schlafen gerade.“
„Aber …“
Er legt seine Hand auf meinen Mund. „Vertraut mir.“
Der Kutscher und Loreley helfen mir aus dem Bett und in die Kutsche hinein. Dort ist ein Bett auf der einen Seite gemacht worden. Langsam lege ich mich hin. Ein Schnalzen einer Peitsche und dann ist da dieser Ruck. „Was ist los?“, frage ich Loreley, die wieder mit mir zusammensitzt.
„Wir vermuten, dass sie eure Kräfte schwächt.“ Sie atmet tief durch. „Statt wieder anmacht zu gewinnen, seid ihr immer schwächer. Das war nicht so, bevor sie aufgetaucht sind.“
„Wen meinst du mit ihr?“
„Diese drei, eure Nichte, diese Alte und der Krieger.“
„Nora und Uras sind schon mein lebenslang bei mir, warum sollten sie mir schaden?“
„Das ihr zurückgeht? Ich weiß es nicht, aber es ist komisch, und darum …“
Ich atme tief durch. Es stimmt mich nachdenklich, sind wirklich die Meermenschen, die mir am wichtigsten sind, eine Gefahr für mich gewesen.

Der Gedanke daran, dass einer von ihnen mich hintergeht, ist wie ein stechender Schmerz in mir. Sie sollen für mich da sein und jetzt sollen sie mich schwächen. Aber leider muss ich gestehen, dass dies wirklich wahr sein könnte. Einen halben Tag von ihnen entfernt und mir geht es weitaus besser.
Als ich aufwache, reicht mir Loreley einen Tee. „Pfefferminz“, sagt sie mir. Ich setze mich auf und nehme einen Schluck. „Ihr seht besser aus.“
„Ich fühl mich auch besser.“
„Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht.“
Meine Stirn legt sich in Falten. „Und was?“
„Euer Krieger ist es nicht.“
„Und … vergiss es. Er ist uns nach.“ Sie nickt. „Dann ist es einer beiden anderen.“
„Wir kommen gleich auch in einem kleinen Dorf an, wo wir Rast machen. Die Pferde müssen sich ausruhen und ihr könnt euch die Beine vertreten.“ Jetzt bin ich es die es bejahrt und ich weiß auch schon, was kommt, wenn ich aussteige. „Wie kannst du nur schon wieder allein abhauen.“
Doch nichts davon kommt. Er hilft mir aus der Kutsche und lächelt mich an. Kleidung an ihm zu sehen ist etwas befremdlich, aber dennoch bleibt er ein stolzer Meermann. „Es geht dir eindeutig besser.“
„Schon, obwohl der Verrat mich schmerzt.“
„Wenn Nora etwas getan hat, wird sie einen Grund haben. Ich vermute, sie weiß nicht, was sie dir wirklich damit angetan hat.“
Er hält mir den Arm hin und wir laufen etwas herum.

Knapp eine Stunde darf ich laufen und danach geht es weiter. „Ihr steht euch nah, oder?“
Verwirrt blicke ich zu Loreley. „Wie bitte?“
„Ihr und Uras.“
„Wir sind zusammen aufgewachsen, er ist seit jeher meine Wache. Er kennt mich wie kein anderer.“ Sie mustert den Boden zu meinen Füßen und mir wird klar, was sie wirklich meint. „Was nein! Oh nein. Schlag dir das aus dem Kopf, so ist das nicht.“
„Es wirkt aber so Hoheit.“
„Nein, wirklich nicht.“ Ich sehe zu dem Mann auf dem schwarzen Hengst. „Bei unserem Volk ist es etwas anders. Schon in der Wiege wird uns der Weg vorgegeben.“
„Aber warum konnte dann euer Bruder … Ich meine eure Nichte, sie ist …“
„Ich weiß es nicht, es gibt vieles, was ich nicht verstehe, was manchmal keinen Sinn für mich ergibt.“
„Aber ihr mögt ihn doch.“
Mag ich Uras? Wir sind vertraut, wir sind Freunde, keinen anderen erlaube ich, so mit mir zu reden wie er es tut. Andere hätte ich verbannt oder töten lassen, wenn sie mich angeschrien hätten und er … Ich schüttel meinen Kopf. „Wir sind Freunde, aber ich spüre kein Glimmen, oder so bei ihm.“
„Glimmen?“, fragte sie. Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll. „Oh!“, macht sie einmal auf. „Bei jemand anders?“, kommt sofort.
Ich schüttel den Kopf. Um ehrlich zu sein weiß ich nicht mal, wenn mir die Gezeiten gezeigt haben. Oder war das von meinen Urahnen eine Lüge?

Die Nacht bricht herein und wir halten an einem Gasthaus. Mir schwebt immer noch die Frage von Loreley durch den Kopf. Ich kann mich aber so sehr anstrengen, wie ich will. Ich habe kein Bild vor Augen.
Nachdenklich stocher ich in dem Fisch vor mir herum. Uras setzt sich zu mir. „Du bist so still heute?“ Ich zucke mit den Schultern und lege mein Besteck beiseite. Sein Blick ist mustern auf mich gerichtet. „Komm schon, ich kenn dich lang genug, irgendetwas bedrückt dich.“
„Weißt du, wer zu dir gehört?“
„Was?“ Seine Augen sind weiß aufgerissen, ungläubig sieht er mich an.
„Du hast schon richtig verstanden.“
„Ja … Aber warum fragst du das, willst du mich wegschicken?“
Seufzend lehne ich mich nach hinten. „Loreley dachte, wir zwei …“
„Wir kennen uns nun mal schon sehr lange.“
„Schon habe ich auch gesagt, aber als ich ihr erklärt habe, wie es bei uns ist, fragte sie mich, ob jemanden den gebe.“
„Okay, sehr private Frage, ich weiß nicht, ob wir das hier besprechen sollten.“
„Das ist ja das Problem“, sage ich, ohne auf sein Gesagtes einzugehen, „ich sehe niemanden.“
„Was?“, wiederholt er.
„Enja, sie ist meines Bruders Tochter, er muss ihre Mutter geliebt haben, aber das …“ Ich sehe zu ihm. „Was ist, wenn das alles eine Lüge ist, wenn …“
Er nimmt mich in den Arm. „Dein Schicksal ist noch nicht geschrieben.“ Er hebt mein Kinn. „Für dich gibt es jemanden und vielleicht, wird er dir auf dieser Reise begegnen. Aber eines kannst du dir sicher sein Maila.“
„Und das wäre?“, ziehe ich die Nase hoch.
„Das ich an dich Glaube.“
„Aber hast du schon mal davon gehört? Ich mein …“
„Ja“, gesteht er leise.
„Wirklich?“, hinterfrage ich leise.
„Aru, Thalio und auch Kasia sie wussten alle nicht, wer ihr Partner ist.“
Erstaunt sehe ich ihn an. „Könnte es sein, dass sie dann auch noch leben“, spreche ich meinen ersten Gedanken aus. Hoffnung, das ein paar meiner Geschwister noch leben keimt in mir auf.
„Vielleicht hier, vielleicht in einer anderen Ebene oder vielleicht doch in den Tiefen des Meeres entzweit, ich weiß es nicht.“

Der Gedanke das einer meiner Geschwister noch leben könnte gefiel mir, aber wiederum lässt es in mir in Unmut aufkommen. Wie konnten sie es zu lassen, dass damals ein Kind eine Königin wird? Sie haben mich allein gelassen. »Ich habe niemanden.«
»Das ist doch Blödsinn«, meint Uras, »Ich bin bei dir.«
»Aber du wirst auch eines Tages gehen.«
»Meine Pflicht ist es, bei dir zu sein und dich zu schützen, so schnell wirst du mich also nicht von der Flosse bekommen.«
»Aber …«
»Maila, du bist nicht allein, schau diesen Guppy an, ich glaube, er würde dir auch ins Meer folgen.«
»Nenn Andrew nicht Guppy.«
»Dann eben das Kind, es ist egal, wie ich ihn nenne, er wird weiter an deiner Seite sein, wie ich und auch diese Loreley.« Er wuschelt mir durch meine Haare. »Und mach dir keine Gedanken um deine Geschwister, sie sind ihren Gezeiten gefolgt und das wirst du auch machen.« Er erhebt sich. »Und jetzt komm, ich will hier nicht Algen ansetzen, du brauchst aber deinen Schlaf.«
»Vermisst du sie nicht?«
Er mustert mein Gesicht. »Nein, ich vermisse sie nicht. Ich kann nicht etwas vermissen, was ich nicht kenne. Nichts anderes wollte ich je sein, als eine königliche Wache.«
»Du hast mich schon immer beschützt.«
»Und das werde ich auch tun, solang ich …«
»Solang du was?«
Er lacht auf. »Ich wollte sagen, solang ich Luft durch meine Kiemen ziehe, aber ich atme ja jetzt richtig.«
»Danke Uras.«
»Gerne.« Er reicht mir die Hand. »Und jetzt komm, du brauchst deinen Schlaf.«

Ich schrecke aus dem Schlaf auf, mein Herz rast und hunderte von Bildern strömen vor meinem inneren Auge.
»Maila«, höre ich Uras. Wie immer ist er in meiner Nähe. Schein streicht er mir über den Rücken. »Hier trink etwas.«
»Sie wissen, das wir kommen«, keuche ich.
»Sie?«
»Die Magier.«
»Das war uns doch klar. Du bist mächtig, denkst du, das blieb ihnen verborgen.« Ich schüttle meinen Kopf. Ich hatte es gehofft.
»Und jetzt Hoheit?«, vernahm ich Andrews Stimme.
»Ich muss dahin und sie bitte, egal ob sie uns erwarten oder nicht.«
»Sind sie uns den gut gesinnt?«
Die Angst kann ich in der Dunkelheit in meinem Zimmer gut heraushören. Ich traue mich nicht, zu antworten, den ich weiß es nicht. War mein Traum eine Warnung wir sollen ja nicht weiter zu ihnen gehen, oder war es eher, wir wissen, dass ihr kommt und wissen mit unserer Magie umzugehen?
Ein Streichholz zischte und eine kleine Flamme erhellt einen kleinen Fleck, der Loreley Hand zeigt. Sie zündet eine kleine Lampe an und sieht traurig aus. »Was werden wir tun?«
»Ihr müsst nicht mit, aber ich …«
»Rede keinen Unsinn Maila«, sagt Uras, »wir sind so weit gekommen und keiner von uns wird dich da allein hereingehen lassen.«
Mein Blick geht zu Loreley. »Wir sind ihnen gefolgt und stehen zu euch.«
»Ich habe Angst.« Andrew atmet tief durch. »Ich bin doch euer kleiner Helfer.«
»Nein, ihr seid mehr.«

Verwundert sehen sich Loreley und Andrew an. »Wie meint ihr das, Hoheit?«
Mein Blick geht Uras. Ich weiß, dass er es nicht so toll findet, da jedes Wesen, was ich näher an mich lasse auch Gefahr für mich bedeutet. Aber diese beiden sind mir bei gestanden und ich habe sie gern.
Uras seufzt. »Es gibt nicht viele, den sie vertraut und ihr seid solche. Aber spüre ich den Verrat, werde ich …«
»Du wirst gar nichts machen Uras, die beiden gehören zu mir.«
»Glaub mir, ich werde.«
Plötzlich ballt Andrew seine Hand zu einer Faust. »Ich wäre für sie gestorben, also sei still!«
Uras hebt die Augenbraue und ich breche in schallendes Gelächter aus. Wie er mich ansieht, kann fast den Gedanken »Lach du nur« hören. Meine Wache richtet sich zu seiner vollen Größe auf. »Das ist der einzige Punkt, den ich dir zugutehalte, Guppy.«
Andrew lässt sich absolut nicht von ihm beeindrucken, stemmt noch die Fäuste in seine Hüfte. »Ich bin vielleicht klein, aber ich weiß Loyalität und Freundschaft bedeutet.«
»Hoheit«, bricht Loreley, ihr schweigen. »Wir stehen zu ihnen, bitte schickt uns nicht weg. Ja ich kann keine Waffe führen, aber ich für sie sterben.«
Bevor ich etwas herausbekomme, höre ich Uras: »Das werde ich nicht so weit kommen lassen, Mädchen.«
»Ihr Name ist Loreley und er ist nicht Guppy Kleiner oder sonst etwas er heißt Andrew.« Ich stehe auf. »Und bei aller Feindseligkeit, die du den Menschen entgegenbringst, darfst du nie vergessen, dass sie mir wichtig sind.«

Hier geht weiter mit Maila.

Wollt ihr wissen, wie alles kam, dann könnt ihr es hier lesen.

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