Thes 73

»Das waren kein …« Zumindest ist so mein Gedanke gewesen, dass Lisa davor steht. »Thomas, was willst du hier?«
»Im Taxi …«
»Oh aso, ja, das Taxi, wie viel hat es gekostet.«
»Das ist gerade vollkommen egal.«
»Aber …«
Er legt die Hand auf meinen Mund. »Ich will wissen, warum du das sagst und uns keine Chance gibst.«
Ich greif an sein Handgelenk und schieb es weg. »Von was redest du?«
»Im Taxi, du sagtest …«
»Ich weiß, was ich gesagt habe, aber ich verstehe nicht, was ich damit zu tun habe.«
Bevor ich es verhindern kann, fahren seine Finger zu meinem Genick und er küsst mich. Nicht nur einen einfachen Kuss oder eine zarte Berührung, leidenschaftlich, so wie nach dem Krankenhaus. Mein Körper und mein Kopf sind sich nicht einig. Mein Wille wird verschlossen hinter dicken Türen, keinen Widerstand leiste ich. Er nimmt Abstand. »Thes ich habe mich in dich verliebt! Ich habe keine Ahnung, wann es passiert, recht schnell.« Er will mich wieder küssen.
»Wow, mal nen Schritt zurück! Du hast was?«
»Ich habe von dir geredet im Taxi.«
Ich schüttel meinen Kopf. »Du bist mit einer Freundin von mir ins Bett und da soll ich dir den Scheiß hier abkaufen. Weißt du was, nicht mit mir! Meine Gefühle kann ich nicht abstellen, aber ich will verdammt sein, wenn ich zu lasse …« Ich stocke, er grinst. »Was findest du daran so witzig?« Kann er mal aufhören, mich zu berühren?
An der Hüfte zieht er mich zu sich. »Du bist eifersüchtig.« Ich verschränke meine Arme. »Ich war nie mit ihr im Bett, auch habe ich sie nur zweimal geküsst. Jedes Mal wegen dir. Ruf sie an.« Ich schüttel meinen Kopf. »Thes, ich war einfach sauer.«
»Ach ja!«
»Ja, ich dachte, wir sind zusammen und dann gehst du zu diesem Oliver.«
»Ich war nicht bei Oliver!« Warte, hat er gerade gesagt, dass wir für ihn zusammen waren?
»Da sagt er etwas anderes. Regelrecht Schadenfreude hatte er, als er mich traf und sagte, dass er es meiner Freundin anscheinend besser besorgen kann.«
»Ich habe nicht mit Oliver geschlafen seit dem«, knurre ich.
»Darum bin ich mit Babsi ins Kino, ich wollte dir wehtun, das gebe ich zu. Hättest du einfach gesagt, du fährst zu deinen Omas, dann wäre es nie so weit gekommen. Statt Trauer hätten wir schöne Zeit zusammen gehabt.«
»Wir haben nichts gemeinsam, wir haben keine Zukunft und du hast nicht gekämpft, warum sollte ich dir glauben?«
»Peperoni, Schinken, Champions auf unsere Pizza. Wir beide mögen die gleichen Film, lachen bei den bei den gleichen Stellen und auch Bücher haben wir den gleichen Geschmack. Thes ich weiß, das wir mehr im Bett waren, als alles andere, aber ich kann einfach nicht die Finger von dir lassen, genauso wenig du von mir. Doch ich kann dir versprechen, dass wir so viel gemeinsam haben, das uns nicht langweilig wird und auch mal etwas anderes zu machen, ohne ständig aufeinanderzusitzen.«
»Warum hast du mir nicht geglaubt? Warum hast du nichts gesagt?« Sehr langsam sickern seine Worte in mein unterbewusst sein.
»Ich bin feige. Thes als du mich wiedererkannt hast, wollte ich schon einfach mehr für dich sein. Mir ist klar, dass sich dies hier für dich auch alles anhören muss, als wenn unsere Vergangenheit weiter geht. Noch nie in meinem Leben hatte ich solche Angst, jemanden zu verlieren, wie dich.« Er atmet tief durch. »Das mit dem Glauben, na ja, ich habe in den Tagen, wo du noch im Krankenhaus warst, viel mit Lisa telefoniert. Sie hat zwar bestätigt, dass du treu bist, wenn du in einer Beziehung bist. Aber auch gesagt, dass du kein Kind der Traurigkeit bist. Darum dachte, ich, du gehst zum Nächsten. Ich habe so gehofft, dass du nicht gehst und das es dir genauso viel bedeutet hat.«
»Ich bin zum Krankenhaus«, sage ich leise.
Er nickt langsam. »Thes ich liebe dich.«
»Eine Verarsche und ich bin weg.«
»Nein nie wieder«, sagt er und küsst mich stürmisch immer und immer wieder. Für mich gibt es kein Zurückhalten mehr, ich will ihn. Der Rest ist gerade egal.

Wir beide atmen immer noch recht schnell, als ich mich bei ihm ankuscheln. »Thes?«
»Mh?«
»Ich sage nicht, du lügst, aber woher wusste Oliver, was du anhattest?«
»Da kommst du jetzt mit?«
»Ich glaube dir, wirklich, aber es belastet mich.«
»Er ist Pfleger im Altenheim, also in dem wo meine Omas drin sind.«
»Okay.« Er zieht mich näher an sich. »Als du gefahren bist, bin ich wieder arbeiten gegangen. Meine Oberschwester hat mich zusammen geschnauzt, dass du traurig warst und was ich doch für ein Hohlkopf bin. Nachdem Training bin ich zu dir, da sah ich den Typ wieder und alles kam wieder hoch. Angerufen hast du auch nicht, da wollte ich dir weh tun, so wie es mir weh getan hat.«
»Ich war bei Jack danach, er hat mich getröstet.«
»Er ist ein guter Freund.« Ich nicke. »Ich hab dich gesehen mit ihm in der Disco.«
»Ich hab dich auch gesehen.«
»Sie ist meine Halbschwester. Aber was ich sagen wollte. Am liebsten wäre ich zu ihm hin und verprügeln. Ich dachte nicht daran, dass es dein bester Freund ist.«
»Was hat ihn verraten?«
»Eure Körpersprache. Ihr beide seid vertraut, aber ihr wart trotzdem die Distanz.«
Ich sah auf die Uhr. »Lisa wird bald mich abholen.«
Er nickt, ich gebe ihm einen Kuss und stehe auf. »Thes?«
»Mh?«
»Sind wir zusammen?«
Ich wende mich zu ihm. »Willst du das wirklich?«
»Schon im Krankenhaus, wollte ich nichts anderes. Nach dem Kino dachte ich, vielleicht hat sie recht und das es für uns besser ist, aber ich habe dich so vermisst. Dann wurde mir klar, nein, das ist gelogen, wir haben so viel gemeinsam, was ich allein in den paar Tagen bemerkt habe … ich habe mich gefragt, warum geht sie dann auf Abstand. Auch, wenn mir jeder sagte, dass es eine Ausrede ist, um mir nicht näher zu kommen, war ich im Glauben, dass du einfach kein Interesse an mir hast.« Er zieht mich ruckartig zu mir. »Ich liebe dich Theresa.«
Ich gebe ich schmunzelnd einen Kuss. »Ich dich auch«, flüstere ich.
»Also sind wir zusammen?«
»Nein, wie kommst du auf so eine Schnapsidee«, gebe ich von mir.
Er starrt mich an. Lange kann ich mir das Lachen nicht mehr verkneifen. »Du Biest«, ruft er aus und fängt an, mich zu kitzeln. Ich gacker immer noch, als es klopft, und er schnell in seine Boxershorts hüpft. »Ja, Lisa?«
»Äh, ich glaube, ich habe mich in der Tür geirrt.«
Ich stehe auf streife mir mein Shirt über. »Wir kommen gleich hinunter.«
Lisa sieht hin und her. »Hä?«, gibt sie von sich.
»Erklär ich dir später«, sage ich.
Er nimmt mich in seine Arme. »Meins.«
»Wir sehen uns unten«, meint sie, das Grinsen kann sie sich kaum verkneifen. Immer wieder zucken ihre Mundwinkel nach oben. Ich schließe die Tür und er drückt mich gegen das Holz.
»Ich würde lieber mit dir alleine bleiben.«
»Ach wirklich?« Warum sagt gerade alles in mir Vorsicht.
Er wischt sich über sein Gesicht. »Nicht, so wie du es gerade verstanden hast. Die wissen unten eh gleich alle, das ist mir egal. Ich stehe zu dir und das ich dich liebe. Nur«, er nimmt meine Hand, »will ich, lieber die verlorene Zeit nachholen.«
»Ah ja.«
»Okay, du glaubst mir nicht. Soll ich dir einen Antrag machen?« Er geht vor mir auf die Knie.
»Lass das.«
»Anders verstehst du anscheinend nicht, wie sehr ich dich liebe.« Er küsst meinen Bauch. »Alles, so wie du bist.« Langsam kommt er höher. »Ich liebe dich Theresa und ich bin nicht einer deiner Ex, mir ist Treue wichtig.«
»Ich habe Angst«, gestehe ich im Flüsterton.
»Musst du nicht. Okay, lass uns runtergehen.« Er küsst mich noch mal, bevor wir uns anziehen.

Schon bevor wir die Tür hinter uns schließen, liegt seine Hand auf meiner Hüfte und drückt mich an sich. Im Aufzug beugt er sich zu mir. »Ich hab noch nie hier.« Ich runzel die Stirn. »Na, in einem Fahrstuhl.«
»Wie kommst du jetzt darauf?«
»Weil der Gedanke, dich hier zu nehmen, mich hart werden lässt«, gibt er grinsend von sich. Ich komme nicht zum Widersprechen, seine Lippen sind auf meine und unsere Zungen streiten sich über das Recht, wer hier hingehört. Dabei drückt er mich gegen die Wand. »Freu dich auf nach dem Essen.«
Ich nicke, meiner Stimme traue ich nicht, viel zu sehr hat mich das schon wieder feucht werden lassen. Lachend verlassen wir die Kabine und gehen weiter zum Speisesaal. Als wir es betreten, herrscht auf einmal Funkstille. Mir hängt mein Magen in den Knien, er muss mich regelrecht weiter drücken. »Onkel, Tante«, sagt er dann zu einem älteren Ehepaar und steuert uns weiter durch die Tische.
»Hallo Thomas«, gibt eine Frau von sich und steht auf.
»Mama«, meint er und nimmt sie in den Arm. Wenn ich beim Betreten schon gedacht habe, ich würge mein Frühstück, huch, dann jetzt definitiv. Er nimmt sie in den Arm. »Darf ich dir meine Theresa vorstellen?«
»Deine … Warte Theresa, die Theresa, die ihr …« Ihr Augen sind geweitet.
»Hallo«, sage ich.
Er zieht mich zu sich. »Ja, sie ist Marks Klassenkameradin.« Ich merke eine leichte Anspannung in seiner Hand. »Wir haben die Vergangenheit hinter uns gelassen, oder mein Schatz?«
»Vergessen kann ich es nie, es ist ein Teil meines Lebens, aber wir können nach vorne sehen.«
»Du hast viel gut zu machen«, sagt sie zu ihm.
»Ich weiß.« Er drückt mich an sich. »Ich bin mir auch sicher, dass sie es mir oft genug zeigen wird.«
»Na dann«, gibt ein Mann von sich, der ebenfalls aufsteht. »Hallo Thes.« Grob zieht er mich an sich.
»Wir sollten zu Mark und Lisa.« Ich stimmte Thomas eifrig zu. »Danke Papa.« Es wird gemurmelt, auf dem Weg zum Tisch des Brautpaars. »Ich bin bei dir«, flüstert er mir zu. Von Wegen, wir sitzen beide neben dem Brautpaar, ich neben Mark und er neben Lisa. Toll!
Ein Kellner stellt mir einen Teller mit Hähnchen hin.
»Dann wünsche ich einen guten Appetit, auf dass es morgen alles etwas zügiger von sich geht«, sagt Lisa. Sie lachen und dann klimpert das Besteck auf dem Porzellan und sie fangen an, sich zu unterhalten. Ich atme tief durch, sehe zu Thomas, der sich mit Lisa unterhält. Sein Blick geht zu mir und lächelt.
»Weißt du, was ich absolut nicht verstehe?«, höre ich von Mark.
»Das wundert mich nicht«, seufze ich und nehme ein Schluck Wasser.
»Ich bin ewig schon mit Lisa zusammen und du reitest immer noch darauf herum. Nur weil er dich fickt, ist alles in Ordnung?«
»Definitiv nicht, aber in Gegensatz zu dir, hat er sich entschuldigt, aufrichtig und glaubhaft.«
»Ach echt, hat er das?«, fragt er und dabei grinst herablassend.
»Ja, hat er.« Meine Unsicherheit wächst wieder, habe ich mich doch auf etwas Falsches eingelassen?
»Weißt du, Theresa, ich kann dich nicht leiden. Aber ich habe wenigstens aufgehört mit dem Kindergarten.«
»Mark, hör auf«, knurrt Thomas, »mach mir das nicht kaputt!«
»Was ist damals wirklich passiert?«, will Lisa wissen.
»Hab ich doch dir gesagt, Schatz, Schulstreitigkeiten.«
»Mark sei doch einmal ehrlich zu ihr«, sagt Thomas.
»Willst du mir jetzt an Bein pissen?«
»Thes, sag es«, drängt mich Lisa.
Doch statt mir antwortet ihr Thomas. »Sie hat sich unseretwegen, zweimal das Leben nehmen wollen.« Ich blicke zur Seite. »Es waren keine Streitigkeiten, wir haben sie nervlich fertig gemacht.«
»Mark«, keucht Lisa.
»Dein geliebter Thomas, liebt dich nicht, das gehört zu seinem Geniestreich«, gibt dieser höhnend von sich.
Ich schlucke und sehe ihn an. »Nein, glaub ihm nicht!«, ruft Thomas sofort aus.
»Die fette Reinhard, denkst du, die lässt sich immer noch so leicht verarschen? Vielleicht sollte ich sie mir gefügig machen.« Eine kurze Pause. »Waren das nicht deine Worte, als ich dich anrief, dass du dich um sie kümmern sollst.«
»Ihr seid beide die größten Arschlöcher auf dieser Erde«, faucht Lisa. »Komm süße. Wir gehen.«
»Lisa«, keucht Mark.
»Nein, Mark, es ist aus.«
»Das kannst du doch nicht machen, die lügt.«
»Thes hat nie etwas gesagt über eure Vergangenheit, weil sie wusste, dass ich gehen werde, denn mit so etwas will ich nichts zu tun haben. Ich habe sie nämlich aufgebaut, darum sind wir beste Freundinnen. Sie wusste, erfahre ich, wer es getan hat, werde ich aggressiv. Du hast gerade nur Glück, dass ich dich liebe, ansonsten würde ich andere Saiten aufziehen.«
Ich spüre Finger an meinem Arm und zucke zusammen. »Verpisst dich Thomas, du hast echt genug gemacht«, geht Lisa ihn jetzt an. Sofort zucken die Finger zurück.
»Das war nie ernst gemeint, ich liebe Theresa. Bitte, du musst mir glauben.« Ich will einfach nur weg.
»Du hast ein Problem, euch glaube ich NICHTS mehr!« Sie drückt mich. »Sei stark, Thes«, flüster sie mir zu.
»Schatz«, kommt von Mark und Thomas.
»Sieht beide zu, dass ihr Land gewinnt.«
»Lass sie, das ist gerade zu viel«, vernehme ich von Thomas Mutter.
»Aber ich verliere sie.«
»Du! Was ist mit mir und Lisa? Nur weil du unbedingt mit …« Ein Krach hinter uns lässt mich zusammen zucken.
»Mark«, keucht eine Frau.
»Beleidige noch mal meine Freundin und ich zieh andere Saiten auf!«
Danach bekomme ich nichts mehr mit. Lisa und ich fahren im Aufzug nach oben. »Pack deine Sachen, wir fahren heim.«
»Lisa …«
»Du kannst nichts dafür, mir hätte es klar sein sollen, dass es mehr ist.« Sie klopft mir auf den Rücken. »Beeil dich, ich will hier weg sein, bevor die beiden sich zu Ende geprügelt haben.«
»Ich hab nicht ausgepackt.«
»Noch besser, dann kannst du mir helfen.« Ich nicke und hole meine Tasche. Ihre Kleidung haben wir in den Koffer geschmissen und sind dann mit einem Taxi zum Flughafen. »Der nächste Flug ist gebucht.« Ich nicke ihr zu.
»Ich hab es geahnt«, sage ich leise.
»Ich glaube, dass er dich wirklich liebt. So habe ich ihn noch nie gesehen, er wollte eigentlich auch nicht zur Hochzeit, deinetwegen. So wie du nicht seinetwegen. Das habe ich mir zumindest zusammengereimt.« Ich nicke. »Was jetzt?«
»Willst du zurück?«
»Nein und ich lasse dich auch nicht allein, aber was willst du machen?«
Die Frage war gut und im Grunde habe ich nicht mal eine Antwort. Thomas weiß, was ich empfinde. Darum wird er jetzt kämpfen, daher kann ich nicht nach Hause, wenn Lisa recht hat, dass er mich wirklich liebt. »Kann ich mal dein Handy haben?«
»Besorg dir endlich mal eins!«
»Ja ja«, grummle ich und sie legt mir ihr Smartphone in die Hand. Schnell wähle ich die Nummer von Jack.
»Ja?«, höre ich ihn.
»Hey Jack.«
»Zuckermaus, was ist los?«
Ich schließe meine Augen. »Kannst du Lisa und mich in circa zwei Stunden am Flughafen abholen?«
»Äh, klar, aber Lisa, ich dachte, sie heiratet.«
»Lange Geschichte, erzählen wir dir nachher. Ähm!«
»Spuck es aus.«
»Könnten wir bei dir ne Zeitlang wohnen?«
»Klar, auch wenn Aaron wie wild dagegen hampelt. Thes?«
»Mh?«
»Hat es etwas mit ihm zu tun, dass du flüchtest?«
Lisa reißt mir das Telefon aus der Hand. »Er wollte sie am Anfang verarschen, da lasse ich nicht zu, dass er es schafft!« Sie sieht zu mir. »Ich weiß.« Seufzen. »Ja, dachte ich mir schon.« Dann nickt sie. »Bis gleich.«
»Was dachtest du dir schon?«
»Na, dass du ihn liebst«, sagt sie und steht auf. Ich runzel die Stirn.

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

%d Bloggern gefällt das: